Angedacht

 

Gott begegnen

Markus 2,23-28

Die Jünger raufen am Sabbat Ähren aus. Dabei geraten sie in das Kreuzfeuer der Pharisäer. Letzte Woche hatte ich schon einige Gedanken zu dieser Begebenheit geäußert. Heute möchte ich noch einmal einen besonderen Blick auf eben jene Pharisäer richten. Diese frommen Juden haben ihr religiöses Leben sehr streng nach dem Gesetz Gottes ausgerichtet. Sie wollten damit das Kommen des Messias beschleunigen und herbeiführen. Denn sie glaubten, wenn ganz Israel den Sabbat einhält, dann kommt der Messias. Das war ihr Bekenntnis und ihre Erwartung.

Und nun kommt Jesus und behauptet, dass er der Messias ist. Er ist der Menschensohn. Er ist der, auf den sie gewartet haben. Der Menschensohn, das ist der höchste Würdetitel, den die Bibel zu vergeben hat. Er stammt aus dem Alten Testament, aus dem Buch Daniel. Dort ist der Menschensohn derjenige, der zur Rechten Gottes sitzt und den Willen Gottes erfüllt. Er, Jesus, ist gekommen, um den Plan Gottes in dieser Welt umzusetzen.

Gott kommt zu uns, will uns begegnen. In Jesus steht er vor uns, so wie er damals vor den Pharisäern und Schriftgelehrten stand. Und nun kommt das Fatale: Sie verweigern ihm die Begegnung. Sie haben gesehen, wie Jesus den Menschen begegnet, welche Liebe von ihm ausgeht, welche rettende Macht, welche Leben verändernde Kraft. Sie hätten ihm begegnen können. Aber das haben sie nicht zugelassen.

Niemand kann den Pharisäern und Schriftgelehrten vorwerfen, sie seien nicht fromm genug gewesen. Ihr Leben war durchdrungen von einer religiösen Disziplin, die beeindruckend war. Aber sie hatten ein großes Problem in ihrem Herzen: Sie wollten sich Gott auf ihre Weise nähern. Deswegen kamen sie nicht damit klar, dass Gott sich ihnen auf seine Weise näherte. Sie waren Gefangene ihres religiösen Systems.

Viele Menschen unserer Zeit würden von sich sagen, dass sie religiös sind. Sie haben ihre eigene Art, in der sie sich Gott nähern, so sagen sie. Wie siehst du heute dein Verhältnis zu Gott? Ist es klar definiert? Hast du eine eindeutige Vorstellung? Ich möchte dir eine persönliche Frage stellen: Bist du dir sicher, dass du auf diesem Weg Gott begegnest? Oder bist du offen dafür, dass er dir begegnet, wo und wie er es will?

Die Pharisäer und Schriftgelehrten waren wirklich prächtige Leute. Sie ließen sich weder vor Gott noch vor Menschen etwas zuschulden kommen. Ihre Weste war lupenrein, ihr Leben war vorbildlich. Sie waren auf dem von ihnen selbst gewählten Weg vollkommen. Aber genau das war das Problem! Auf diesem selbst gewählten Weg konnte Jesus ihnen nicht begegnen. Er ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Er ist gekommen, die Sünder zur Umkehr zu rufen und nicht die Gerechten. Wer von Jesus nur die Bestätigung für sein Leben und seine Lebensführung erwartet, wird sie von ihm nicht bekommen. Im Gegenteil. Er wird sich an den Aussagen von Jesus stoßen, wird sich an ihm ärgern.

Manchmal ist es bei uns heute ähnlich. Wir haben unsere Art und Weise, wie wir mit Gott umgehen. So hat man das bei uns schon immer gemacht. So habe ich das in meiner Jugend kennengelernt. Und vieles von dem, was uns in unserem christlichen Verhalten prägt, ist auch gut und richtig. Sehr vieles von dem, was die Pharisäer und Schriftgelehrten an religiösem Verhalten gezeigt haben, war vollkommen in Ordnung. Aber sie haben letztlich damit nicht die Begegnung mit dem gnädigen Gott gesucht, sondern sich selbst!

Es ist vielleicht eine der härtesten Wahrheiten der Bibel, der wir uns stellen müssen: Da, wo wir nicht den lebendigen Gott suchen, der uns in Jesus gnädig begegnen will, das suchen wir letztlich nur uns selber; da suchen wir die Bestätigung unseres religiösen oder frommen Weges.

Gott hat den Weg gewählt, uns in seiner Gnade und Liebe zu begegnen. Er will nicht unsere Leistung. Er will nicht, dass wir ihm irgendetwas abzwingen durch das, was wir tun. Er will uns Gutes tun. Und das führt Jesus den Pharisäern und Schriftgelehrten immer wieder vor Augen.

Wir dürfen uns Jesus öffnen. Wir dürfen von ihm seine volle Zuwendung erwarten. Und keine Macht der Welt kann diese Begegnung mit Jesus verhindern. Das Einzige, was ihm im Wege stehen kann, das sind wir selbst mit unserem Stolz.

Alexander Märtin